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Der Begriff der Arbeit

Essays

Arbeit in der Menschheitsgeschichte- Segen, Fluch oder Aufgabe ?


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Diese provokante Frage möchte ich meinen Ausführungen über das Wesen menschlicher Arbeit und den Inhalt freimaurerischer Arbeit voranstellen. Denkn wir eigentlich noch darüber nach, waum wir unsere Versammlungen und das Tun in geschlossener Loge Arbeiten nennen? Empfinden wir einen Unterschied darin, nach getaner Tagesarbeit abends noch mit den Brüdern zu arbeiten? Sind uns schließlich die unterschiedlichen Bewertungen präsent, die der Begriff der Arbeit in den verschiedenen Zeitaltern der Menschheitsgeschichte besessen hat?
Wie immer bei der Analyse grundlegender Begriffe wie Gott, Seele, Liebe oder eben auch Arbeit stoßen wir in der Menschheitsgeschichte und bei der Betrachtung der wichtigen Hochkulturen immer auf unterschiedliche Sichtweisen. Zu den ältesten künstlerischen Datstellungen menschlicher Arbeit gehören die Malereien im Grab des Sennedjem aus dem 12.vorchristlichen Jahrhundert. Dort sehen wir einen ägyptischen Fellachen mit seiner Frau beim Pflügen des Ackers und Mähen des Korns in einem fruchtbaren von Wassern umflossenen und Dattelpalmen umstandenen Feld. Es ist also sein Wunschtraum im Totenreich weiter seiner Arbeit nachzugehen und die Früchte seiner Arbeit zu ernten. Für ihn ist die Arbeit ein Segen und der Lohn für das bestandene Totengericht.

Ganz anders sieht es die Heilige Schrift. In der Geschichte vom Sündenfall lesen wir in Genesis 3 :
"Und zum Weibe sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, aber er soll dein Herr sein. Und zum Manne sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deines Weibes und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen , verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden." Hier stellt sich uns die Arbeit als ein Fluch Gottes dar, der das sprichwörtliche Leben im Paradies beendete und die Menschen dazu verurteilte, "im Schweiße ihres Angesichts" für ihren Lebensunterhalt sorgen zu müssen. Seit dieser Zeit ist es das Bestreben der Menschen - vor allem in sozialen Gemeinschaften - möglichst wenig Schweiß für den eigenen Lebensunterhalt zu vergießen. Dieser Wunschtraum mündete in das Sprichwort von den Trauben, die einem in den Mund wachsen mögen.

Als die alten Griechen und Römer ihre Mysterienkulte gestalteten, wurde eine Verbindung von symbolischer Arbeit und Kulthandlung geschaffen, die einen geistigen Zugang zu den einst magischen und zauberhaften Kräften schaffte, die von jeher aus der Arbeit etwas Neues entstehen ließen.

Die Römer brachten diesen Zusammenhang von Arbeit und göttlicher Kraft in ihren prägnanten und kurzen Sprichwörtern auf den Punkt mit der Aufforderung : "ORA ET LABORA". "Bete und arbeite" war nicht nur das Leitmotiv im Leben jedes anständigen Römers, sondern wurde Jahrhunderte später zum Leitsatz des Hlg Benedictus von Nursia, der 529 n.Chr. auf dem Monte Casino den ältesten Mönchsordens des Abendlandes gründete. In ihm galt der Grundsatz, sowohl geistige, als auch manuelle Tätigkeiten neben dem Chordienst gleichberechtigt gelten zu lassen. Dieser Grundsatz wurde wesentlich für das weitere Wirken der Benediktinermönche und Nonnen bis in die Gegenwart.

Auch noch in der Gesellschaft des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit wurde der Arbeit das Mäntelchen einer Tätigkeit zur Ehre Gottes umgehängt. Die Dombaumeister und ihre Steinmetze ließen in den Kathedralen den zu Stein gewordenen Glauben an Gott und seinen Sohn in den Himmel streben. Und die Handwerkszünfte bildeten in den Städten eine der wichtigsten Säulen der gesellschaftsichen Struktur. So nimmt es wunder, dass einer der größten deutschen Dichter, Friedrich Schiller, in seinem Lied von der Glocke den Lobgesang auf die menschliche Arbeit anstimmt, die in Verbindung mit göttlich inspiriertem Geist bleibende Werte schafft. So hören wir im Gegensatz zu den Sätzen der Bibel in einer positiven Sicht des vergossenen Schweißes:

Fest gemauert in der Erden
Steht die Form, aus Lehm gebrannt.
Heute muß die Glocke werden!
Frisch, gesellen, seid zur Hand!
Von der Stirne heiß
Rinnen muß der Schweiß,
soll das Werk den Meister loben;
Doch der Segen kommt von oben.
Zum guten Werke, das wir ernst bereiten,
Geziemt sich wohl ein ernstes Wort;
Wenn gute Reden sie begleiten,
Dann fließt die Arbeit munter fort......

In diesen Gedichtzeilen erkennen wir , wie die im Mittelalter noch intuitive Verbindung von Arbeit und Kult sublimiert ist zu einer vergeistigten Interpretation der alten Wahrheiten - in einer Zeit, als zwar die vorindustrielle Ständegesellschaft noch fest im Handwerk wurzelte, jedoch die Epoche der Aufklärung und damit auch die Freimaurerei eine neue von religiösen Zwängen befreite Plattform philosophisch-ethischer Kontemplation geschaffen hatte.
Nocheinmal 100 Jahre später stimmte dann Richard Wagner in seinen Meistersingern von Nürnberg das Hohelied der Handwerkszünfte an und wollte damit wohl auch ein Gegengewicht zu dem neuen Tonfall schaffen, mit dem das Wort Arbeit seit dem Entstehen der Klassengesellschaft in der Mitte des 19.Jhds.- d.h. seit Karl Marx, ausgesprochen wurde. Vor dem Hintergrund einer unmenschlichen Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft in den frühindustriellen Fabriken Englands, wurde der Begriff der menschlichen Arbeit nun in einer völluig neuen Sichtweise definiert und daraus politische Schlussfolgerungen gezogen. 145 Jahre hat das Kommunistische Manifest ein Drittel der Menschheit fasziniert. In einer sozialökonomischen Analyse der Wechselwirkungen zwischen Kapitaleignern und Besitzlosen, zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten, zwischen Inhabern von Produktionsmitteln und Lohnabhängigen wurde der Sinn und der Wert der Arbeit aus einem völlig entgegengesetzten Blickwinkel betrachtet. Generationen von Professoren, Schriftstellern und Funktionären haben danach diese wissenschaftlichen Analysen des gutsituierten Bürgerlichen Karl Marx ausschweifend interpretiert und in politische Ziele und Parolen umgemünzt.. Nachdem Millionen von Menschen gestorben waren im Kampf für das vermeintlich Gute bzw im Kampf gegen das absolut Böse, erwies die Geschichte, dass die evolutionäre Entwicklung sich frei entwickelnder Kräfte besser und letztlich erfolgreicher war, als der revolutionäre Umsturz mit seiner nachfolgenden Plan- sprich Zwangswirtschaft.

Auf diesem Feld der sog. Politökonomie entstanden ganze Wortfamilien, die mit dem Begriff der Arbeit verbunden sind:
Wir sprechen noch heute ganz selbstverständlich von der Arbeitswelt, von Arbeitsverhältnissen und Arbeitsverträgen, vom Arbeitsgericht und vom Arbeitsamt - um nur weniges zu nennen.
Welche verführerische Kraft geht doch von intelligent formulierten Sätzen aus, die scheinbar den eigenen Erfahrungen entsprechen, jedoch keinen praktikablen Lösungsvorschlag enthalten. So hören wir noch aus jüngeren Quellen:
"Im Falle der Arbeiterklasse liegen die Dinge ziemlich klar: Ihr Beitrag besteht im Arbeiten, und ihr Anteil am Reichtum ist der Lohn, bzw. das, was sie sich von ihm kaufen können. Damit richten sie sich ihr Leben ein. Dieser Sachverhalt ist Anlaß für das dauerhafte Gerücht, Lohnarbeiter gingen arbeiten, weil und damit sie davon leben. Der recht universelle Zusammenhang zwischen Arbeit und Leben wird so unversehens zum "guten Grund", zur einleuchtenden Erklärung dafür, daß erwachsene Menschen Tag für Tag zu Tausenden in die Fabrik marschieren, dort ihren Dienst verrichten, der sich in einer immensen Masse von Reichtum niederschlägt - und darüber immerzu so arm bleiben, daß sie das ein Leben lang tun. Aus der Allerweltsweisheit, daß ohne Arbeit kein brauchbares Zeug zustande kommt, folgt garantiert nicht das Montageband, die Lohngruppe VI oder die "Solidar"gemeinschaft der Pflichtversichten. Wer die Lohnarbeit für das natürlichste Lebensmittel von der Welt hält, kommt jedenfalls nicht umhin, auch dem Gegenteil beizupflichten. Die umfangreiche Klasse derer, die ihre Dienste verkaufen, hat sich ein denkbar fragwürdiges Lebensmittel ausgesucht, also aufzwingen lassen, das seinen Mann schlecht bis gar nicht ernährt.... und weiter:

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß Lohnarbeiter weder in einer "Konsum-", noch in einer "Leistungsgesellschaft" leben. Vielmehr im Kapitalismus, in dem es auf ihre Leistung enorm ankommt. So sehr, daß sie in der Sphäre ihres Konsums mit jeder Wahrnehmung der ihnen gewährten Freiheit die Folgen ihres beruflichen Einsatzes zu spüren kriegen. Und sich lauter Notwendigkeiten stellen müssen, die sie mit dem Haushalten mit Zeit und Geld, Kraft und Gesundheit konfrontieren; so daß sie mit ihren Einteilungskunststücken an der Welt der Genüsse bei allen Unterschieden immer nur in dem Maße teilnehmen, das ihre Fähigkeit und ihren Willen erhält, ihrer Lohnarbeit nachzugehen. Für alle die Mitglieder der arbeitenden Klasse, die diese Reproduktion ihrer Arbeitskraft vergeigen, denen die Kombination aus Leistung und Einteilung nicht gelingt, ist - wie für die anderen zur Unbrauchbarkeit Verurteilten dann selbst im Kapitalismus das Etikett "arm" fällig.
Wer unter Beteiligung an einer Veranstaltung namens "Massenkaufkraft" den Normalgrad nützlicher Armut bewältigt, repräsentiert "Wohlstand". - Der Autor meint damit wohl die Teilnahme am jährlichen Weihnachtsgeschenke-Einkaufsrausch.

Um diesen gesellschaftspolitischen Teil abzuschließen, lassen Sie mich nur noch darauf verweisen, dass das Wort Arbeit bzw. Arbeiter in der Vergangenheit auch zum politischen Programm, ja zum Synonym für eine Partei oder eine Staatsform wurde. Die nationalsozialische deutsche Arbeiterpartei - kurz NSDAP - traf populistisch exakt den Gemütszustand vieler Deutscher nach dem verlorenen 1.Weltkrieg. In ihren Sonntagsreden feierte das 3.Reich die "Arbeiter der Stirn und der Faust" - eine wirksame Marketingparole.
Das Schreckensregime der Nazis ging nahtlos über in den sog. Arbeiter- und Bauernstaat der Deutschen Demokratischen Republik - wie man erkennt, eine nur unwesentliche Umgruppierung der gleichen Begriffe.

Doch kehren wir aus den Sphären sozialistischer Politökonomie, die für eine ganze Generation Ostdeutscher noch immer zum geistigen Grundwissen gehört, zurück zu den verschiedenen Sichtweisen auf den Begriff der Arbeit, die auch uns Freimauer betreffen. Daß Arbeit nicht nur etwas mit Schuften und Abplagen zu tun hat, ersehen wir in unserer Alltagssprache aus verschiedenen positiven Begriffen: Nachdem man die Zeit der Schularbeiten weit hinter sich gelassen hat, schreibt man seine Diplomarbeit und wird in der Firma als neuer Mitarbeiter begrüßt. Man ist dann als Sachbearbeiter tätig und wird nach einiger Zeit zu einem Mitarbeitergespräch gebeten.
Nach getaner Arbeit schließt man sich noch einem Arbeitskreis für die Gestaltung bestimmter sozialer Aufgaben an und macht eine Ausarbeitung zur Vorlage bei der nächsten Arbeitsgruppensitzung.

Um beruflich vorwärts zu kommen, erarbeitet man sich ein zusätzliches Wissensgebiet - und wenn es im Leben einmal nicht so gut läuft, muß man arbeiten gehen um an der Arbeitsstätte ein Werkstück bearbeiten. Trifft in der Familie der Tod einen nahen Angehörigen, so muß Trauerarbeit geleistet werden, wie es geschraubt heißt., d.h. alle Betroffenen müssen "die Sache erst mal verarbeiten".
Und wenn man am Ende seiner Lebensarbeitszeit angelangt ist, hat man endlich mehr Zeit um in die Loge zur Arbeit zu gehen. Warum verbindet der Freimaurer das Wort Freimaurerei meist mit dem Begriff Arbeit?
Ich will dazu eine Begebenheit aus meinem Leben erzählen, die das m.E. am treffensten beweist:

Als ich in einem Sportverein mich am späten Nachmittag eines schönen Tages von Freunden mit den Worten verabschiedete: Ich muß jetzt leider los, ich habe noch eine Arbeit, fiel mir einer der Freunde um den Hals und sagte mir ins Ohr, ich sei wohl in der Loge ! Einen engeren zusammenhang zwischen Loge und Arbeit kann ich mir nicht vorstellen.
Wie ich bereits eingangs feststellte, waren Arbeit und Kult seit alten Zeiten eng miteinander verbunden. Unsere Freimaurervorväter haben das in der Epoche der Aufklärung, als die geistigen Schranken dogmatischer Bevormundung fielen, auch erkannt und haben deshalb die Gebräuche und das Ethos der Dombauhütten zu iher geistigen Leitschnur gemacht. So wurde aus der einstigen körperlichen Arbeit in der spekulativen Freimaurerei die geistige Auseinandersetzung mit den eigenen Schwächen, mit den religiösen Grundvoraussetzungen unserer Existenz und mit den sozialen Aufgaben einer humanen Gesellschaft.
In der Loge arbeiten wir deshalb zuerst an uns selbst, dann an unseren Mitbrüdern und schließlich an der Menschheit insgesamt - festgemacht an den sozialen Projekten, die wir unterstützen wollen.

Deshalb betrachten wir auch unsere Tempelarbeiten trotz einiger äußerlicher Ähnlichkeiten nicht als ein Theaterspiel, denn in unseren Ritualen ist immer auch das Göttliche, Mystische und Universale anwesend, das unsere Umwelt und uns selbst geschaffen hat. Wir spüren in unseren Arbeiten, dass uns die Fähigkeiten und Möglichkeiten gegeben sind, das Gute in uns und anderen zu fördern und einen Beitrag zum Wohle der Menschheit und ihrer Zukunft zu leisten. Dieses geistig zu verarbeiten und in die Tat umzusetzen, gelingt nicht im Sessel mit einem Glas Wein in der Hand sondern bedeutet Anstrengung und Willen.
Wie sagte es Schiller so schön in seinem Lied von der Glocke? "Zum guten Werke, das wir ernst bereiten, Geziemt sich wohl ein ernstes Wort; Wenn gute Reden sie begleiten, Dann fließt die Arbeit munter fort......
Mit diesen Ausführungen wollte ich einmal vor Augen führen, dass das Wort Arbeit auch noch heute, im Zeitalter des Jobs und des Jobbens, seine tiefgehende Bedeutung behalten hat. Wir sollten uns dessen bewusst bleiben bei unserer Arbeit am Rauhen Stein. Es gehört m.E. zu den herausragenden Eigenschaften des menschlichen Geistes bestimmte Begriffe abstrahieren und auf ihren Wesenskern zurückführen zu können. Erst dann öffnet sich uns die Tür zum Wissen der Menschheit, das über Jahrtausende angesammelt worden ist und von dem wir noch heute unendlich viel lernen können.

I.K.

 

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