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Grundlagen freimaur. Denkens

Essays

Mit den Augen eines Freimaurers gesehen


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Natura, Religio, Fortitudo Geistige Grundlagen freimaurerischen Denkens

In den alten Siegeln der Freimaurer finden wir mit den Buchstaben N-R-F, d.h. Natura, Religio und Fortitudo Begriffe, die neben den bekannten Grundwerten der Freimaurerei - Humanität, Toleranz und Brüderlichkeit als zusätzliche Grundbegriffe Natur, Religion und Stärke eine maßgebliche Bedeutung in ihrem geistigen Gebäude besitzen.Betrachten wir diese drei Begriffe näher, so erkennen wir zunächst in der Natura die mit unseren Sinnen wahrnehmbare und grundsätzlich verstehbare materielle Welt.

Ihr steht die Religio gegenüber, d.h. die Welt des Glaubens, des Erkennens, des Wissens um die Ursachen und die letztlich unbeweisbaren Gesetze vom Werden und Vergehen dieser erfahrbaren Welt.Als dritter Begriff versinnbildlicht die Fortitudo die unserem Willen und unserem Wissen entspringende Kraft, welche auch eine Brücke von der realen, sichtbaren zur unsichtbaren, geistigen Welt schlagen kann und beide zu einer Einheit zusammenfügt.Am ehesten ist uns der Vergleich des Begriffes Natura mit der Vernunft und den Wissenschaften möglich. Hier versammelt sich alles, was sinnlich wahrnehmbar ist, was gemessen und registriert werden kann, was man in empirischen Gesetzen niederlegen und für künftige Planungen und Taten nutzbar machen kann.
Unter dem Begriff Natura kann man daher auch alles das subsummieren, was mit Logik, Rationalität und weltlicher Macht zu tun hat.

Die Religio verbindet sich dagegen mit dem Glauben, dem nur Erahnbaren und Fühlbaren, das sich mitunter zu Gewissheiten verdichten kann. Der Glaubende muss sich vertrauensvoll öffnen, muss eigene vermeintliche Sicherheiten aufgeben und sich neuen Gewissheiten anvertrauen. Wenn er auf sich allein gestellt glauben soll, braucht er viel innere Stärke - manchmal zuviel - , die er nicht aufbringen kann. Also sucht er die ihm fehlende Stärke in der Gemeinschaft mit anderen, die gleich ihm glauben wollen , aber den Weg gewiesen haben wollen, den sie von ihren Erfahrungen über den gemeinsamen Glauben zur eigenen Gewissheit gehen sollen. Diese Sehnsucht nach Gewissheit - diese wahre Religio kollidiert seit Menschengedenken immer wieder mit den harten Realitäten der Natur, des materiellen Alltags, der aufgezwungenen Gewalt der Herrschaft.Und so wird die überragende Bedeutung des dritten Begriffes - der Fortitudo deutlich. Die Stärke in uns bedeutet nicht nur physische Kraft und Durchsetzungswillen. Sie bedeutet darüber hinaus auch die wohlabgewogene Einsicht und den Willen, Natur und Religion zu verbinden, jeder Seite dieser einen Medaille die ihr zukommende Bedeutung zu lassen, ja u.U. das Materielle zugunsten des Spirituellen zurückzunehmen. Die Stärke bedeutet aber für uns auch die Liebe, die Nächstenliebe und die Bereitschaft zum eigenen Opfer für den anderen Nächsten oder die gemeinsame Sache.

Wenn wir in die Kulturgeschichte der Menschheit hineinschauen, so erkennen wir , dass immer dort, wo sich Natur und Religion, Vernunft und Glauben symbiotisch zu einer harmonischen Einheit verbunden haben, Glanzpunkte kultureller Leistungen entstanden sind.Wir erkennen aber auch, dass dort, wo der Glaube die Vernunft unterjochte - oder umgekehrt - historische Perioden der geistigen Verarmung, der kulturellen und sozialen Stagnation, ja sogar des Niedergangs und der Verwüstung die unausweichlichen Folgen waren.Eines der herausragendsten Beispiele kultureller Höchstleistungen, welche durch die Vereinigung von Natur und Religion möglich wurde, ist der Bau der Pyramiden und Grabanlagen im Alten Ägypten vor nun schon fast 5000 Jahren. Die aus den alten Naturreligionen und Mythen entstandene Weltschöpfungslehre wurde für die Ägypter zu der religiösen Gewissheit, dass der eine Schöpfergott Atum Himmel und Erde, die Natur und den Menschen sowie die Formen und Ordnungen dieser Welt allein aus seinem Geiste erschaffen hat.In den alten Sargtexten können wir noch heute die Worte lesen: "Was mir einleuchtete, war in meinem Herzen, was ich entwarf, vor meinem inneren Gesicht ... und es entstand eine grosse Menge: Gestalten von Gestalten und Gestalten von Nachkommen und Gestalten von deren Nachkommen". In dieser Gewissheit von der Ewigkeit und Vollkommenheit des Universums und dem Wissen von der Unsterblichkeit der Toten, die das letzte Gericht bestanden haben, verbanden sie alle naturwissenschaftlichen Kenntnisse ihrer Zeit und erschufen in einer gigantischen Glanzleistung 97 Pyramiden und unzählige steinerne Grabanlagen in einem Zeitraum von insgesamt 700 Jahren.Ebenso standen auch 1500 Jahre später Religion und Natur gleichberechtigt nebeneinander.

In der Blütezeit der Antike, zur Zeit des Perikles, als in Athen im Theater die Tragödien des Äschylos, Sophokles und Euripides im Wettstreit der großen Dichter aufgeführt werden, geriet der Held, der einen zunehmend freien Willen erhielt, als Geschöpf der Natur durch sein Handeln in einen unvermeidlichen, tragisch-schuldhaften Gegensatz zu den in der Götterwelt verkörperten heiligen Ordnungen und scheitert tragisch daran.Sichtbaren Ausdruck fand diese geistige Einheit von Individuum und Götterwelt - von natura und religio - in den uns allen bekannten wegweisenden Tempelbauten , sowie in den für uns noch heute vorbildlichen demokratischen Grundzügen politischen Handelns und sozialer Gesetzgebung.Weitere 1200 Jahre später, zur Zeit der ersten Blütezeit des islamischen Kalifenreiches, das bereits von Spanien bis an die chinesische Grenze reichte, entstanden in Bagdad auf der Basis einer vom Kalifen Harun al Raschid planmässig betriebenen Wissenschaftspolitik, die sich in vollkommener Übereinstimmung mit den Lehren des Koran befand, das Haus der Weisheit mit einer Übersetzerakademie und Lehrkrankenhäusern, in denen die antiken Schriften eines Aristoteles, Archimedes, Galen und Euklid ins Arabische übersetzt und ausführlich kommentiert wurden. Denn Mohammed hatte bereits erkannt, dass "die Tinte des Schülers heiliger ist als das Blut des Märtyrers". Der berühmte arabische Historiker Ibn Chaldun hat in 3 Bänden diesen Weg der antiken Wissenschaften zum Islam beschrieben. Diese ersten planmäßigen wissenschaftlichen Arbeiten haben 200 Jahre später die für das Abendland so wichtige Bearbeitung der antiken Schriften in Cordoba sowie deren spätere Übersetzung ins Lateinische in den Übersetzerschulen von Toledo möglich gemacht. Schon damals war es das tief empfundene Anliegen eines Avveroes und Maimonides , "Glauben und Vernunft zu versöhnen".chließlich eröffnete in der Renaissance der sich von den Fesseln der Kirche und ihren Dogmen allmählich lösende Geist des Individuums, d.h. die Aufwertung der weltlichen gegenüber der kirchlichen Herrschaft, das Zeitalter der Entdeckungen und der naturwissenschaftlichen Erforschung unserer Erde und des Universums.Im Gegensatz zu diesen positiven Beispielen müssen wir jedoch auch konstatieren, dass die Disharmonie von Glauben und Vernunft - bis in die Gegenwart - oft schreckliche Folgen hatte.

Die Disharmonie zwischen Staat und Geistlichkeit, zwischen Vernunft und Religion hatte in der beginnenden Neuzeit im Osmanischen Reich zu einem gleichgültigen, gegeneinander abgeschotteten Nebeneinander über einen Zeitraum von 400 Jahren geführt, das die Fortentwicklung der Wissenschaften behinderte.Auch im Abendland setzte sich nach dem 30-jährigen Krieg mit der Verkündung der Religionsfreiheit der in der Renaissance begonnene Trennungsprozess von Weltlichem und Religiösem verstärkt fort.In der Säkularisierungswelle während der Französischen Revolution erreichte dieser Prozess einen seiner Höhepunkte. Dazu schrieb der zu Beginn des 19.Jhds. bedeutende Historiker Toqueville über das Sendungsbewusstsein der Europäer am Ende des 18.Jhds. folgende treffenden Worte :"Sie - die Freiheit - ist selbst zu einer Art Religion geworden, zwar einer unvollkommenen Religion, ohne Gott, ohne Kult, und ohne jenseitiges Leben, die aber nichtsdestoweniger wie der Islam die ganze Erde mit ihren Kämpfen, ihren Aposteln und ihren Märtyrern überflutet hat".Diese Disharmonie von Glauben und Vernunft führte im Abendland zwar zu einer rasanten Fortentwicklung der Naturwissenschaften, der technischen Leistungen und wirtschaftlichen Erfolge.

Doch von nun an diktierte die Vernunft der materiellen Staatsinteressen das weitere Geschehen, das dann logisch und tragisch in den Trommelfeuern von Verdun, den Gaskammern von Auschwitz und dem Feuerball von Hiroshima seine schrecklichsten Höhepunkte erreichte.Es war daher unausweichlich, dass auf diese verheerenden Folgen einseitiger Entwicklungen das Pendel zurückschwang. Im Orient in Richtung auf eine Reislamisierung; im Abendland in die Richtung einer zunehmenden Abwendung von den immer weltlicher gewordenen Kirchen und die Hinwendung zu religiösen Sekten und Erlösungsgemeinden.

Dieses kann als ein Indiz für die Unsicherheit der Menschen in ihrer Umwelt, ihren Mitmenschen und ihrer Zukunft gegenüber verstanden werden; sie ist ein Indiz dafür, dass diese Menschen keinen Halt mehr finden an metaphysischen, an religiös fundierten Glaubenswahrheiten und dass ihr Grundbedürfnis nach einer organischen Einheit von Glauben und Vernunft nicht mehr befriedigt wird.So leben auch die Freimaurer derzeit inmitten einer gestörten Ordnung unserer Gesellschaft und Lebenswelt.

Sie versuchen durch ihre Gemeinschaft, ihr Denken und ihr Handeln mit Hilfe der ihnen eigenen persönlichen Stärke ein Gleichgewicht herzustellen zwischen den beiden Säulen Natura und Religio, d.h. zwischen einem natürlichen humanistischen Ideal und einer ideellen spirituellen Gewissheit des Ewiggültigen. Bereits vor 300 Jahren - zu Beginn der modernen Freimaurerei - wurde dieses anzustrebende ideale Gleichgewicht in den Alten Pflichten der Freimaurer niedergelegt.

Wir Freimaurer der Gegenwart wollen diese alten Wahrheiten und löblichen Absichten neu formulieren - in einer Sprache, die heute verstanden wird, die sich mit den Realitäten und Themen unserer Gegenwart auseinandersetzt und die geeignet ist, in den Menschen, die uns zuhören, ein Vertrauen aufzubauen.

I.K.

 

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