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Lessing

Essays

Geistesgeschichtliche Grundlagen der Freimaurerei


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Geistesgeschichtliche Grundlagen der Freimaurerei,
hier insbesondere am Beispiel Gotthold Ephraim Lessings von H.-J. Paust

Zwei Werke Lessings sind in diesem Zusammenhang besonders zu würdigen.
Erstens „Ernst und Falk , Gespräche für Freimaurer“
und zweitens „Nathan der Weise“.

Blick auf Lessings vita und historischer Kontext
Lessing wurde 1729 in Kamenz / Sachsen geboren, studierte Theologie, lebte von 1748 –1755 in Berlin, wo er u.a. Voltaire kennenlernte. Von 1760 -1765 hatte er in Leipzig einen Sekretärsposten inne.
1766-1769 lebte er in Hamburg und wirkte dort als Theaterschriftsteller. Als er ab 1769 Leiter der herzogl. Bibliothek zu Wolfenbüttel wurde – unter den sogen. „Freimaurerherzögen“- hatte er viel Gelegenheit, sich zumindest theoretisch mit der Freimaurerei zu beschäftigen. Tatsächlich aufgenommen zum Freimaurer wurde er am 4.10.1771, und zwar nach der Lehrart der Gossen Landesloge der Freimaurer von Deutschland (GLLFvD). Großmeister des Ordens war damals Freiherr von Zinnendorf. Lessing wurde, wie Friedrich II, der Große , sofort in alle drei Grade eingeführt. – und betritt seitdem nie wieder eine Loge !

Gleichwohl hat Lessing wie kein zweiter im deutschen Sprachraum die Grundidee, die Ideale der Freimaurerei entwickelt und dargestellt , ja mit seinem „Nathan“ sogar universell gewirkt.
Gotthold Ephraim Lessing stirbt 1789.

Durch das von ihm oft verarbeitete Gedankengut wird Lessing auch immer wieder als „Vollender und letztlich Überwinder der deutschen Aufklärung“ bezeichnet. Hier ist er nur vergleichbar mit Namen wie Leibniz, Christian Wolff, Kant und Reimarus in Deutschland sowie Descartes, Locke, Montesquieu, Voltaire in England und Frankreich.
Diesen Denkern der Aufklärung gemein war der Glaube an die menschliche Vernunft als Grundlage aller Erkenntnis und Wahrheit. Als Vorstellung über Gott entwickelten sie – oder hielten fest am - sogenannten Deismus.
Diese riesige Welle einer neuen philosophisch-gesellschaftlichen Entwicklung, beginnend im 16. Jhdt., ihren absoluten Höhepunkt im 18. Jhdt. findend, veränderte politische Strukturen, veränderte die religiösen Vorstellungen, veränderte die Wissenschaft.
Damit ist die Aufklärung der entscheidende Entwicklungsschritt in der Geschichte der Neuzeit : Die Überwindung von Feudalismus und Absolutismus.
Als Abschluß einer langen Tradition des abendländischen Denkens ist dies die Geburtsstunde unserer modernen Welt(sicht) . Die Aufklärung vollzieht, im Humanismus bzw. der Renaissance begonnen, die Emanzipation des Ego, des Individuums.
Für uns Brüder Freimaurer sei daran erinnert: Denken wir daran, wenn wir unsere Lichter entzünden, dass dieses Zeitalter nur im Deutschen „Aufklärung“ heißt, im Englischen und Französischen aber „enlightenment“ oder „siecle de lumiere“ genannt wird, also „Zeit des Lichts“, der Erleuchtung !

Damit soll aber der allgemeine Rahmen, die Geistesströmungen der Zeit des G.E. Lessing genug angedeutet sein. Nur auf einen Punkt müssen wir später bei „Nathan der Weise“ nochmals genauer zurückkommen.
Wenden wir uns also der großen „Ontologie“ der Freimaurer ( Ontologie = philos.: Lehre vom Seienden, oder : vom Ding an sich) zu:

„Ernst und Falk, Gespräche für Frymäurer,“ von 1778/ 79
Hier zunächst die „Vorrede eines Dritten“ …… ZITAT …:
„Wenn nachstehende Blätter die wahre Ontologie der Freimaurer nicht enthalten, so wäre ich begierig zu erfahren, in welcher von den unzähligen Schriften, die sie veranlasst, ein mehr bestimmter Begriff von ihrer Wesenheit gegeben werde.
…..warum man nicht längst so deutlich mit der Sprache herausgegangen sei ?
Auf diese Frage wäre vielerlei zu antworten. Doch wird man schwerlich eine andere Frage finden, die mit ihr mehr Ähnlichkeit habe, als die : Warum in dem Christentume die systematischen Lehrbücher so spät entstanden sind? und warum es so viele und gute Christen gegeben hat, die ihren Glauben auf eine verständliche Art weder angeben konnten noch wollten ?
Auch wäre dies im Christentum noch immer zu früh geschehen, indem der Glaube selbst vielleicht wenig dabei gewonnen : Wenn sich Christen nur nicht hätten einfallen lassen, ihn (den Glauben) auf ganz widersinnige Art angeben zu wollen. Man mache hiervon die Anwendung selbst.“

Hier wird bereits deutlich :
1. man kann Anhänger oder Vertreter einer Sache sein, sogar sehr gut sein, ohne diese nämliche Sache einem Dritten hinreichend logisch erklären zu können.
2. Als Beispiel hierfür wird das Christentum herangezogen, verbunden mit deutlicher Kirchenkritik :“…die Christen haben auf ganz widersinnige Art versucht, ihren Glauben zu erklären.“ Diese Kritik ist ein oft übersehener „roter Faden“ Lessings, später mehr hierzu.
Die insgesamt 5 Gespräche selbst sind als 1.-3. Dialog aufzufassen als Gespräch eines Freimaurers mit einem Nicht-Freimaurer, der währenddessen zu einem „Suchenden“ wird. Das 4. und 5. Gespräch findet statt, zeitlich deutlich später, zwischen einem enttäuschten jüngeren Bruder und einem erfahrenen, „altgedienten“. Obwohl insgesamt sehr lesenswert, will ich mich hier auf zwei zentrale Stellen beschränken.

Beispiel 1 .
Falk ist Freimaurer und wird von Ernst, seinem Freund, ausgefragt. Falk antwortet scheinbar ausweichend :
„Ich glaube, einer (Freimaurer) zu sein.“ „ Etliche sind aufgenommen und glauben zu wissen.“
Frage d. Ernst : „ Kann man aufgenommen sein, ohne zu wissen?“
Falk: „ja, weil viele, die die Aufnahme durchführen, selbst nichts wissen (was Freimaurerei ist) , die wenigen aber, die wissen, es nicht sagen können“.
Hier bereits wird dieses freimaurerische Geheimnis als etwas dargestellt, was schlicht, bei allem Wollen, nicht mitteilbar ist. Andererseits kann das „Wesen“ der Freimaurerei erkannt werden, auch ohne förmliche Aufnahme in den Bruderbund, in eine Loge.
(ZITAT , aus dem 1. Gespräch )
- Anmerkung : Eigenes Nachdenken oder = ratio wird betont als Maßstab der Dinge , d.i. aufgeklärtes Gedankengut ! –
Hier lohnt es sich nun, folgende Wendungen aus diesem Absatz zu untersuchen :
a) Freimaurerei ist – notwendigerweise - in der „bürgerlichen Gesellschaft“ , im Wesen des Menschen begründet, und
b) „Freimaurerei war immer“
Man ist zunächst versucht, diesen Begriff der „bürgerlichen Gesellschaft“ eng zu fassen: Als Zeitalter des Bürgertums, politisch gesehen beginnend mit der Franz. Revolution, an deren Vorabend wir uns ja mit diesem Werk befinden und das als Epoche mit Ende des 1. Weltkrieges, spätestens mit Beginn des 2.Weltkrieges endete. ( Nach Meinung etlicher Soziologen befinden wir uns z.Zt. im so genannten „proletarischen Zeitalter“, geprägt durch die verschiedensten „ - Sozialismen“ .)
Das greift aber zu kurz.
Lessing meint hier jede Form von Gesellschaft, in der oder bei der eine Mehrzahl von Individuen zusammentreten und eine Gemeinschaft, ein Gemeinwesen errichten. D.h., wenn der Mensch der Natur des Menschen folgt und als - so soziologisch – „zoon politikon“ handelt. Dies ist Menschenart seit Urzeiten : Ob Stammesverbände, Sippen, erste Städte oder antike große und kleine Reiche, der Mensch organisiert sich in einer Gesellschaft, mit Rechten und Pflichten, die den Bürger –untechnisch so bezeichnet- dieser Gesellschaft ausmachen.

Insoweit ist auch das Wort „Freimaurerei war immer“ zu verstehen.
Aber Lessing konkretisiert das selbst im 5. Gespräch.
Ernst fragt nochmals nach, wie es gemeint sei, ob nur das Wesen oder auch die Form, die Organisationsform „Freimaurerei“ immer schon war.
Falk konkretisiert : „ Freimaurerei beruht nicht auf Äußerlichkeiten, äußeren Formen der Erscheinungsweise .Vielmehr auf dem Gefühl gemeinschaftlich sympathisierender Geister innerhalb einer gegebenen Gesellschaft - innerhalb des jeweils vorhandenen Systems.

Somit wurde bisher von Lessing verdeutlicht :
Das Wesen – wohlgemerkt – der Freimaurerei ist im Gegensatz zur äußeren Erscheinungsart wie Erkennungszeichen, Symbole etc. nicht erklärbar und das Wesen, nicht die Organisationsform wie Loge etc. ist der menschlichen Gesellschaft schlechthin immanent. Natürlich ist das für einen Suchenden oder Nicht-Freimaurer verwirrend oder bestenfalls wenig aussagefähig.
2. Beispiel , Aber Lessing erklärt weiter : auf entsprechende Frage von Ernst führt Falk aus :
Gleichwohl man Freimaurerei nicht erklären kann, verbreitet sich der Orden durch seine Taten. Diese Taten spiegeln Ziel und Zweck der Freimaurerei, spiegeln somit ihr Wesen. Ernst führt auf diese Aussage hin verschiedene karitative Aktivitäten der Freimaurer an, die in der damaligen Zeit publik waren und auch in der Tagespresse erörtert wurden. – Falk hingegen leugnet, dass dies die wahren, eigentlichen Taten der Bruderschaft sind. Die wahren Wohltaten der Freimaurer liegen nach Falk eben darin, diese –kleinen- Akte der Caritas, dieses vordergründige Not-Lindern, überflüssig zu machen. Um dieses weiter zu verdeutlichen, holt Falk weit aus und entwickelt im Dialog mit Ernst, wie notwendig die Bildung von Staaten, von Gemeinschaften für die Menschheit ist. In diesen Gemeinschaften kann der Einzelne, unter Schutz und Sorge für das Notwendigste seitens eben dieser Staaten, nach individuellem Glück streben. Anmerkung : Eine typisch aufklärerische Ansicht und Haltung, vgl. die Unabhängigkeitserklärung und Verfassung der USA, ein politisch- freimaurerisches Dokument ersten Ranges!
Andererseits bedeutet jede Gemeinschaft, jedes Zusammentreten von Individuen auch, dass sich Unterschiede bilden, je nach Klima, Weltgegend etc. gibt es unterschiedliche Bedürfnisse, verschiedene Religionen usw. Innerhalb von Gemeinwesen oder Staaten gibt es Arm und Reich, den „Unterschied der Stände“ – um damalige Terminologie zu benutzen. Nach Falk ruft jede Vereinigung, jede Vergesellschaftung, auch wieder – auf anderer Ebene –Trennung hervor in Nationen, Stände, Klassen, Religionen etc.
(Nebenbei ein geradezu dialektischer Ansatz, den Lessing hier vertritt) Hier setzt Falk nun an und spricht von den wahren Aufgaben der Freimaurer :
( ZITAT aus dem 2. Gespräch )
Die Überwindung dieser Trennungen ! Dies sind diejenigen Taten, die die karitativen Auftritte unnötig machen ! Und sie sind so groß, so weit ausladend, dass – so Falk – „ ganze Jahrhunderte vergehen können, ehe man sagen kann, das haben sie – die Freimaurer- getan. Das Gute in der Welt !!!
(zweimal betont : in der Welt) . Das Gute für den Menschen in seiner erdgebundenen, natürlichen politischen Verfasstheit – und nicht das Gute im Hinblick auf ein imaginäres Jenseitiges. (hier deutlich wieder der Gegensatz zur – insbes. Verfassten - Kirche).

Soweit in Auszügen die Freimaurergespräche von Ernst und Falk .

Ich denke – ich hoffe - die „Ontologie“ oder das Wesen der Freimaurerei wurde doch deutlich. Oder zumindest das, was Freimaurerei im tiefsten Grunde will, zum Zweck hat und – sein kann.


Wenn dieser Dialog quasi akademisch, als Lehrgespräch und theoretisch die Freimaurerei behandelt, so hat Lessing in einem anderen Alterswerk von 1779 die Freimaurerei gleichsam dramatisch erlebbar, gefühlsmäßig dem mitgehen - den“ Zuschauer fassbar gemacht, oder vielleicht auch - konkret und praktisch dargestellt.
Konkret und fassbar in seiner Wirkung als Drama, in seiner „Nutzanwendung“, wenngleich Lessing die Geschehnisse als „utopia“ in ferne Zeit und fernen Raum verlegt: Ins Jerusalem zur Zeit des Hochmittelalters, der Kreuzzüge . Die Rede ist von dem „Dramatischen Gedicht – Nathan der Weise“.
Unerläßlich zur richtigen Einordnung, unbedingt erforderlich zum Verständnis ist die Entstehungsgeschichte, der Hintergrund dieses Werkes:
Stichwort ist der sogenannte „Fragmentenstreit“, nichts weniger als ein Schlüsselereignis der deutschen Aufklärung !
Mit diesen Fragmenten ist die durch Lessing erfolgte - posthume und anonyme – Veröffentlichung etlicher Schriften des Hermann Samuel Reimarus (1694 – 1768) gemeint. So u.a. „Von der Duldung der Deisten“ und „Vom Zwecke Jesu und seiner Jünger“.
Insgesamt Teile der von Lessing besorgten Veröffentlichung „Apologie- oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes“. (Lessing war mit der Tochter des Reimarus aus seiner Hamburger Zeit befreundet.)
Reimarus , Theologe (!) Orientalist und Philosoph, vertritt hier eine „natürliche Vernunftreligion“ und übt gleichzeitig äußerste Kirchen- bzw. Bibelkritik. Reimarus lehnt, umfassend logisch dezidiert, jegliche Offenbarung als wunder- same Mitteilung Gottes an die oder den Menschen ab – und damit alle Offenba- rungsreligion.
Er stellt als allererster die Person des Jesus in ihren historischen Zusammenhang und hinterfragt die Bibel in geradezu revolutionärer Weise, indem er eine historisch-kritische Betrachtungsart anwendet. Seit Reimarus hat diese heute „historische Kritik“ genannte Methode der kirchlichen Exegese einen immensen Stellenwert !
Anmerkung:
Wirkmächtigster (evangel.) Theologe und Denker war in der „Nachfolge“ Prof. Dr.Rudolf Karl Bultmann , Marburg /Lahn (1884 – 1976), (nahezu jedem Geisteswissenschaftler meiner Philipps-Universität zu Marburg zumindest im studium generale ein Begriff) mit seinem Werk „Entmythologisierung des Neuen Testaments“.

Die Grundaussagen des Hermann Samuel Reimarus, als knappe Sentenzen wiedergegeben : - Jede sogenannte „Offenbarung“ birgt das Risiko von bewusstem Betrug seitens der „Offenbarungsempfänger“, unbewusstem Irrtum der Nachfolger, Ungewissheit und Widersprüchen.

- Jesus wollte keine neue Religion stiften, sondern ein ganz irdisch gemeintes „Reich Gottes“ als Herrschaft der Hebräer nach Befreiung von römischer Fremdherrschaft und Unterdrückung errichten.

- Jesus ist als „Sohn Gottes“ ein von Gott besonders auserwählter, ausgezeichneter Mensch, nicht leiblicher Sohn einer Gottheit. ( Hier befindet sich Reimarus ganz auf dem Boden der Lehre der Arianer. Schon Bischof Arius hatte im Vorfeld des Konzils zu Nicäa 323 n. Chr. den Satz aufgestellt : Jesus ist inspiriert, aber nicht inkarniert. So waren z..B. die Goten und viele andere germanische Völker arianische Christen ) !

- Jesus ist nicht von den Toten auferstanden.

- Seine Jünger, die Apostel, haben vielmehr nach dem politischen Scheitern Jesu dessen Lehre und Leben umgedeutet und – in betrügerischer Absicht – den Leichnam verschwinden lassen und letztlich die Mähr von der Wiedergeburt in die Welt gesetzt. Dies alles, um sich selbst mittels einer neuen Organisation / Religion „Pfründe zu sichern“

Bei all dieser fundamentalen Kritik – in den Augen jeder christlichen Kirche oder Konfession reine Ketzerei – akzeptiert Reimarus aber den „historischen Jesus“, preist seine wahre Gottes-und Nächstenliebe, zeigt sich begeistert vom Gehalt der Bergpredigt, lobt Jesu Güte und Demut. Dabei ist entschieden festzustellen, dass die Kritik des Reimarus nicht der Religion schlechthin gilt, wohl aber - so Lessing - dem „ christlichen System von religiösen Bedingungen oder Voraussetzungen, die hiernach allein Zugang zu Gottes Gnade oder Seligkeit bieten sollen.“

Reimarus postuliert, dass Gottesglaube und „wahre Religion“ sich mit den Mitteln der Vernunft erschließen lasssen.
Hier ist Reimarus wieder völlig Vertreter der –insbes. späten- Aufklärung. (Zum gesamten Vorstehenden : Martin Teske : „Querulanten im Glauben“, 1996 sowie Schriften des Reimarus bei „Reclams Universalbibliothek“)
Die „vernünftige Religion“ – so auch der Deismus -
stellt hier einen durchaus personal gedachten Gottesbegriff vor, der als prima causa die Welt erschuf. Dieser Schöpfungsakt gilt auch zugleich als einziges denkbares Wunder. Aller weitere Fortgang erfolgt lediglich nach den Naturgesetzen, die ebenfalls so, wie sie eben sind, von Gott geschaffen wurden. Ein weiteres Eingreifen Gottes in den Weltenlauf gibt es in keiner Weise, weder durch Wunder noch durch Offenbarung.
Aber die Existenz Gottes selbst ist schlicht vernünftig, oder, wie Kant es formuliert, „ folgt aus intellektueller Redlichkeit“ – als „Postulat“ eben der Vernunft.

Diese Veröffentlichung Lessings entfachte natürlich eine heftige Debatte. Protagonist der Amtskirche in diesem Streit, eben dem erwähnten „Fragmentenstreit“, war ein Hamburger „Hauptpastor“ Goeze. Lessings Dienstherr, der Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel verbot ihm schließlich jede weitere schriftliche Äußerung. Das brachte Lessing letztlich auf die Idee, aus bereits vorbereiteten Materialien das Problem in einem Theaterstück zu behandeln:

Nathan der Weise.
Und dieses eigentliche Problem wird oft nicht deutlich herausgestellt :
Natürlich geht es im „Nathan“ um Toleranz, und um Tugend. Aber warum ist Toleranz, insbesondere religiöse Toleranz so –geradezu zwingend- erforderlich ?
Um eben dem - letztlich ungerechtfertigten - absoluten Wahrheitsanspruch und Alleinvertretungsanspruch bestimmter Religionen zu begegnen ! Das ist der eigentliche Angelpunkt : Toleranz wird in „Nathan der Weise“ eben nicht als „Tugend an sich“, als Programm für sich und aus sich selbst gesehen. Sondern vernünftige Einsicht (in das Wesen der Dinge) muß geradezu zwangsläufig Toleranz begründen. Lessing singt also eher das Hohelied der Vernunft, unter Absage an alle Schwärmerei, Mystizismus und Verzücktheit.

Vernunft heißt in unserem Zusammenhang hier : Einsicht in die unvernünftige, ungerechtfertigte, wahrheitswidrige, dogmatische ( organisierte ) Religion als Irrtum !

Wie setzt Lessing diese Gedanken und Überzeugungen nun in seinem „dramatischen Gedicht“ um ?
Allgemein kann gelten, dass Lessing fast einen Wettstreit der handelnden Personen in Tugendhaftigkeit darstellt, unabhängig, ob Jude, Christ in Form des Tempelritters oder Saladin als Muslim. Tugend kann hier aufgefasst werden als das „ Gehorchen einem allgemeinen, naturrechtlich verankerten Sittengesetze gegenüber“.

Um das sehr komplexe Drama „in den Griff zu bekommen“, wollen wir uns hier auf drei Betrachtungen konzentrieren :
1. einige der Charaktere
2. der Dialog Nathans mit seiner (Pflege-) Tochter, nachdem diese vom Tempelritter aus Feuersnot gerettet wurde
3. und natürlich die berühmte Ringparabel des Nathan im Dialog mit Saladin

Zum 1.
Da ist Nathan selbst.
Von Lessing gezeichnet als weiser Jude, obwohl unermesslich reich doch viel mehr immateriellen Gütern verbunden. Er ist frei von religiösem Eifertum, sieht zuerst den Mit-Menschen in seinem Mensch- Sein. Dies ist ihm der eigentliche Wert, nicht Ämter, Titel, äußere Reichtümer. Er kennt keine Vorurteile, keinen schnöden Egoismus : reine Tugend ist Ziel und Bestimmung des Menschen.

Der Tempelritter
Er erscheint zunächst mürrisch, innerlich zerrissen, entwurzelt. Er ist nicht frei von den klischeehaften Vorurteilen der Zeit gegenüber Juden. Er erkennt aber eine gewisse Seelenverwandtschaft zu Nathan und seinen Ansichten. Zwischenzeitlich wird er durch seine Liebe zur Tochter, also durch Leidenschaft, verwirrt und fällt zurück in Gegnerschaft zu Nathan. Aus der kann er sich aber befreien und – quasi sich selbst besiegend (!) – zu echter Tugend, Aufrichtigkeit und Freundschaft finden.

Die Anfeindungen und „Versuchungen“ (!) an seine Gesinnung werden nicht zuletzt ausgelöst durch den

Patriarchen
Dieser ist ganz Vertreter der im weltlichen herrschenden oder agierenden Amtskirche. Voller Prunk, befasst er sich mit Spionage, zu der mitzumachen er den Templer überreden will. Er raisonniert über die Vernunft des Menschen dahingehend, dass diese natürlich auszusetzen habe, wenn ein Mann Gottes- Vertreter der Kirche – zum Heil eben dieser Kirche etwas verlauten lässt ! Hier lässt Lessing insgesamt gewaltiger Ironie in seinen Schilderungen den Lauf ! (S. 98f / 100 ; 4.Aufz. 2.Auftr.)
Der Patriarch legt die kirchlichen und weltlichen Gesetze völlig menschenverachtend aus, in sturer Buchstabengerechtigkeit : Einziges Ziel und Gipfel seiner Ratschlüsse an den

Templer:
„tut nichts (d.h. egal wie…), der Jude wird verbrannt...( S. 102 )
Zudem postuliert der Patriarch die „Pflicht zum Glauben“, als Antwort auf den Einwurf, es genüge, von Gott zu lernen, was der Vernunft entspricht. (!!) (s. 102 )
Anmerkung : Hier zeichnet Lessing als Karikatur das Bild seines Hauptwidersachers Pastor Goeze im „Fragmentenstreit“.

Im überigen kann die Magd Nathans , Daja , als Gegenstück der Kirche in volkstümlicher Abschwächung gesehen werden – oder : was Amtskirche und Religion aus dem gläubigen Kirchenvolk machen kann : Die Verräterin ihres guten Herren um angeblichen Seelenheils willen. Das heißt, Verrat , Untugend, im jetzt, im Diesseits, um im Jenseits zu Verdienst zu kommen ! ( S. 93 ; 3.Aufz. 10.Auftr. )

Zum 2.Punkt , Dialog Nathans mit seiner (Pflege-)Tochter :
Eine Schlüsselszene ist folgende :
Nathans Tochter ist vom Templer aus Feuersnot gerettet worden und glaubt im Nachhinein, von einem wahrhaftigen Engel gerettet worden zu sein.
Nathan zeigt sich hier als Vertreter der deistisch-aufklärerischen Denkungsart : So ein Wunder kann es nicht geben ! Er will die Verknüpfungen der verschiedenen Ursachen der Rettung , die alle ihren Urgrund in Menschlichkeit und Humanität haben, darstellen. Sultan Saladin verschont - aus Menschlichkeit – einen seiner Erzfeinde, den Templer.Dieser handelt wiederum ohne Nachdenken, aus reiner Menschlichkeit und rettet dieses Mädchen. Nathan verspottet seine Tochter, weil sie die erklärbaren Tatsachen nicht einsehen will und lieber in einer nur vom Glauben beherrschten Wunderwelt leben will.
Um die Tochter aufzurütteln und auf den Boden vernünftiger Tatsachen und Kausalitäten zurückzuholen, wird Nathan sogar recht grob und wirft ihr vor, zu Wunderglauben ihre Zuflucht zu nehmen und gleichzeitig im Diesseits, in der realen Welt, ihre Pflichten der Dankbarkeit zu vernachlässigen. ( S. 15f /17f ; 1.Aufz. 2.Auftr.)
Lessing läßt Nathan hier die überhöhte, religiöse Schwärmerei verurteilen, die- entgegen aller Vernunft – den Blick auf das Wesentliche verstellt, nämlich Tugend im Hier und Jetzt zu üben., zum Nutzen der Mitmenschen. Er gipfelt in dem Vorwurf, dass diese Art Schwärmerei Methode sein könne. Und damit krasses Gegenteil von Tugenden wie Anteilnahme, Dankbarkeit, Mitleid etc. .
Lessing lässt Nathan sagen : Zitat ( S. 19 )
„Begreif Du aber, wieviel andächtig schwärmen leichter ist, als gut handeln. Wie gern der schlaffste Mensch andächtig schwärmt…, um nur gut handeln nicht zu müssen ! “ -- Ein vernichtendes Urteil über Tempelfrömmigkeit, Pharisäertum, pietistische, mystische Verzücktheit bei Verlust der Einsicht in die Bedürfnisse des Mit -menschen in der Realität !
Diese religiöse Schwärmerei, mit diesen Folgen, wird dann sogar zur – „Gotteslästerung“ ! (S. 17)

4. Punkt: Kommen wir nunmehr als letztes zur berühmten „Ringparabel“
Ausgangslage ist im Drama die Absicht Saladins, von Nathan Geld zu leihen. Um ihn hierzu geneigter zu machen, will er ihn in eine Art Zwickmühle bringen, ihn moralisch unter Druck setzen. Saladin fragt ihn, welche Religion, Judentum, Christentum oder Islam, die wahre, beste sei. Nur eine könne doch letztlich die wahre sein . ( Frage d. Saladin, S. 76 ; 3.Aufz. 5.Auftr. )
Nathan windet sich zunächst- und antwortet dann, indem er das theoretische Problem des Wahrheitsanspruchs der Religionen auf eine praktische Ebene transferriert.
Stilmittel ist die Parabel, also ein Gleichnis .
Anmerkung : Parabel leitet sich vom grich. parabola ab. Dieser Begriff meint ursprünglich als terminus technicus die Gleichnisreden des Jesus in der Bibel !
Insoweit lässt Lessing seinen Helden, den Meister aller Tugend im Drama, den weisen Juden Nathan, - in der Sprachform des größten Tugendlehrers sprechen !

Der Inhalt in Kürze :
Ein Vater besitzt einen Ring, der dem Träger die Macht oder Eigenschaft verleiht, vor Gott und den Menschen beliebt bzw. geliebt zu sein. Diesen Ring, Erbstück der Familie, verspricht nun der Vater jedem seiner drei Söhne gleichermaßen dereinst zu vererben. Durch dieses dreifache Versprechen in Konflikt gekommen, lässt der Vater heimlich zwei Kopien anfertigen, so daß nun drei exakt gleich aussehende Ringe existieren. Jedem der drei Söhne wird nun – als die Zeit zu sterben kam – ein Ring übereicht.
In der Folge kommt es aber zum Streit der Söhne untereinander, wer denn nun den wahren, den richtigen Ring erhalten habe.
Letztlich wenden sie sich an einen weisen Richter. Auch dieser kann aber mit einem Richterspruch die Wahrheit nicht ergründen. Aber er gibt den drei Söhnen einen Rat : Zitat ( S. 82 ; 3.Aufz. 7.Auftr. )
Unschwer ist folgendes zu deuten :
Gott als der Vater hat den Menschen drei Glaubensvorstellungen, drei Ideen über sich, gewährt. Diese Vorstellungen sind - genau betrachtet – in letzter Konsequenz identisch, - oder : in ihren Kernaussagen gleich !
Lessing vermeidet es nun – in der Person des Nathan - , dogmatisierend oder vernunftmäßig argumentierend, eine Wertung vorzunehmen und eine Religion über die andere zu stellen. Aber ebenso unterlässt er es, alle zu verwerfen und eine deistische Vernunftreligion zu propagieren.
Auch der Richter entscheidet letztlich nicht, er gibt „nur“ einen Rat.
Damit aber führt dieser weise Richter alle Religion auf ihre Kernaufgabe, ihren eigentlichen Zweck zurück :
Den Menschen letztlich zu sittlichem Verhalten, zu Tugend und Redlichkeit , zu Toleranz anzuhalten und hierfür gleichzeitig der Gradmesser zu sein. Das sittliche Verhalten des Individuums im Diesseits , in der Welt , dem Nächsten gegenüber, ist dann der Maßstab für den rechten, wahren Glauben.
(…ist dann letztlich „winkelrechtes Handeln“ in freimaurerischem Sinne )
Hieraus folgt dann auch die Gleichwertigkeit dieser Religionen, die als Sittengesetz nichts Wunderhaftes an sich haben. Diese Gleichwertigkeit, die Gemeinsamkeiten ihrer sittlich- moralischen Anforderungen an die Menschheit, und die Tatsache, dass es sich bei allen Religionen nicht um wunderhafte Offenbarungsartikel handelt -- all dies ist mit den Mitteln der Vernunft erkennbar. Das ist vernünftige Einsicht, die ihrerseit religiöse Toleranz zur Pflicht macht – und nicht den Glauben, wie der Patriarch meint ! ( S. 102 ) Diese Haltung entspricht dem Denken eines Hermann Samuel Reimarus, seiner - von Lessing herausgegebenen – „Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes“ , dem Deismus und der Aufklärung bis hin zu Kant.

Es muß also ganz deutlich betont werden, und insbesondere Brüder Freimaurer, die Lessing gern als Bruder zitieren, sollten sich dessen bewusst sein :
In „Nathan der Weise“ wird sicherlich die Toleranz beschworen. Aber eine Toleranz, logisch und fogerichtig gegründet auf Religionskritik und Kirchengegnerschaft !

Lassen wir hierzu das Schlusswort Gotthold Ephraim Lessing selbst sprechen :
„ Es kann wohl sein, dass mein `Nathan` im Ganzen wenig Wirkung tun würde, wenn er auf das Theater käme – welches wohl nie geschehen wird. – Genug, wenn er sich mit Interesse lieset – und unter 1.000 Lesern nur einer daraus an der Evidenz und Allgemeinheit ( d.i. Allgemeingültigkeit im Sinne alleiniger Wahrheit) seiner Religion zweifeln lernt !“
(Brief an seinen Bruder Karl Gotthold ; aus : xlibris.de)
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Vorliegend handelt es sich um einen Vortrag, gehalten in der Loge „ Reinoldus zur Pflichttreue“ zu Dortmund, am 16.04. 2004 vor Brüdern und Gästen. Zitate und Belegstellen sind vorgelesen worden. Zitate bzw. Seitenangaben folgen:
Für „Nathan der Weise“ Reclams Universalbibliothek , UB Nr. 3
Für „Ernst und Falk“ meiner Gesamtausgabe „Lessings Werke“ , Leipzig 1899
Bei Reclam ist die Schrift nicht (mehr) erhältlich, der interessierte Leser sei auf Gesamt- oder Werkausgaben verwiesen.
Ein „Abdruck“ wird ebenfalls im Internet bei Eingabe des Suchbegriffs „ Ernst und Falk“ zumindest für die Gespräche 1-3 geliefert.
Schriften von Reimarus sind in Textsammlungen bei Reclams Universalbibliothek , UB Nr. 9915 u. 8667 zu finden.
H-J.P.

 

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